The KLI
Entry 25 of 78

News Details

Illustration "Werden wir unsterblich?" aus "Werden wir auf dem Mars leben? 33 Fragen an die Zukunft"
2017-11-29
Barbara Fischer´s Answer to the Question ´Will we become immortal?´

Werden wir unsterblich?

Manche Forscher denken tatsächlich, dass es möglich ist, dass sich das menschliche Leben immer weiter verlängern wird. Lange Zeit dachte man, dass es so etwas wie ein oberes Limit gibt für das menschliche Alter, das erreicht werden kann. Nach und nach wurden Menschen allerdings älter als es diese Vorhersagen vorsahen. Heute sind Forscher der Meinung, dass dieses Limit jenseits von 120 Jahren liegen muss und ein Ende der menschlichen Lebensverlängerung ist nicht unmittelbar in Sicht.

Der Mensch, der bisher am ältesten wurde, war Jeanne Calment, eine Französin, die 1997 mit 122 Jahren starb. Nur ganz wenige Menschen erreichen ein solches hohes Alter. Dass sich die menschliche Lebensspanne dank guter und ausreichender Ernährung vom Säuglingsalter an, und dank optimaler medizinischer Versorgung, verlängert hat, ist jedoch etwas anderes als der Traum von der Unsterblichkeit des Menschen. Die Zellen aus denen der menschliche Körper besteht sind biologisches Material, das eben eine gewisse Lebensdauer besitzt.

Ein wichtige Rolle spielt dabei die genetische Alterungsrate: Schäden an der DNA treten unweigerlich während des Lebens auf, und sie häufen sich mit dem Alter an. Zusätzlich altern außer der DNA auch andere Teile der Zelle. Verschiedene Tiere unterscheiden sich aber in ihren Fähigkeiten, diese Schäden zu reparieren. Das ist ein wichtiger Grund, warum Tiere verschiedener Arten solch unterschiedliche Lebensspannen haben. So erreichen Galapagos-Schildkröten ein Alter von bis zu 190 Jahren und Grönlandhaie können vermutlich bis zu 500 Jahre alt werden. Das Alter eines freilebenden Tieres zu bestimmen ist nicht immer einfach – oft muss dieses geschätzt werden.  Das älteste freilebende Tier, dessen Alter eindeutig verifiziert werden konnte, ist eine Muschel der Art Arctica icelandica. Dieses Tier hat sogar einen Namen bekommen: Die Muschel ”Ming” wurde aus isländischen Gewässern gefischt und war zu diesem Zeitpunkt 507 Jahre alt. Das weiß man, da diesen Muscheln Ringe in ihren Schalen wachsen, ähnlich wie die Ringe eines Baums, für jedes Jahr eine. Die lange Lebensdauer dieser Schildkröten, Haie und Muscheln hat damit zu tun, dass diese Tiere Schäden an ihrer DNA besser reparieren können als wir Menschen.

Sämtliche Vertebraten (das sind alle Tiere mit einer Wirbelsäule, wie zB Fische, Rinder und Menschen) altern und sterben irgendwann. Im Gegensatz dazu gibt es bei den Invertebraten  tatsächlich Arten, die nicht altern. (In der freien Natur sterben die Tiere natürlich trotzdem irgendwann, zB durch Krankheiten oder Fressfeinde.) Diese Tiere besitzen auch als Erwachsene zahlreiche totipotente und pluripotente Stammzellen. Solche Stammzellen bleiben teilungsfähig und können sich nach Bedarf in sämtliche Zelltypen des Körpers entwickeln. Das gibt diesen Tieren die unbeschränkte Möglichkeit zu wachsen, sich zu regenerieren sowie fehlende Teile ihres Körpers nachwachsen zu lassen. Manche Plattwürmer beispielsweise altern nicht und sind in diesem Sinne “unsterblich”. Plattwürmer sind wahre Meister der Regeneration! Schneidet man man einen Plattwurm in zwei Teile, so regeneriert sich jeder Teil, dank der vorhandenen Stammzellen, zu einem vollständigen Organismus, dh es wachsen neue Köpfe und Schwänze nach. In Experimenten konnte gezeigt werden, dass bei diesen Plattwürmern eine einzelne pluripotente Stammzelle ausreicht um einen ganzen Organismus zu regenerieren. Der Mensch besitzt solche Stammzellen nur in seiner frühen Entwicklung – in der Evolution komplexer Tiere ging dieses Regenerationspotenzial zu einem großen Teil verloren. Die Zellen unserer Organe altern, und irgendwann stirbt dann der gesamte Organismus.

Aber wäre es denn denkbar, dass wir unsere Zellen so verändern, dass sie wieder volles Regenerationspotenzial haben, damit unser Körper unsterblich wird? Forscher, die versuchen die Zellalterung zu verstehen, haben es in der Tat geschafft, bei bestimmten Zellen die Alterung zu bremsen oder sogar umzukehren, das heißt Zellen sogar zu verjüngen. An Stammzellen wird auch zu medizinischen Zwecken geforscht, denn man hofft damit kranke Gewebe zu regenerieren. Bei Blutkrebs etwa werden Stammzelltherapien bereits erfolgreich angewandt: Blutbildende Stammzellen aus dem Knochenmark werden dabei übertragen (Knochenmarkspende). Um allerdings die Unsterblichkeit des Menschen zu erreichen müssten die Alterungsprozesse in sämtlichen Zellen unseres Körpers vollständig aufgehalten werden. Die Forschung steht allerdings erst am Anfang davon, die molekularen Zusammenhänge des Zellalterns überhaupt zu verstehen.

Es ist also durchaus realistisch, dass sich das Lebensalter, das Menschen in gesunder Verfassung erreichen können, zukünftig weiterhin erhöhen wird. Sowohl verbesserte Lebensbedingungen, bessere Ernährung, bessere medizinische Versorgung als auch Fortschritte der Forschung zum Verständnis der Zellalterung werden dazu beitragen. Die Unsterblichkeit zu erreichen scheint aber zumindest momentan noch völlig undenkbar. 

 

 

 

Dr. Barbara Fischer ist Evolutionsbiologin am Konrad-Lorenz-Institut für Evolutions- und Kognitionsforschung in Klosterneuburg und Lektorin an der Universität Wien